Warum ?


On Off Spaces

Im Gegensatz zu den - in Referenz auf das New Yorker Off-Broadway schon seit den Neuen Sozialen Bewegungen geläufigen - "Off-Szenen" des freien Theaters, der alternativen Musik und Soziokultur wird der Begriff "Off-Raum" vom bildenden Kunstbetrieb erst Ende der 1990er Jahre übernommen, als sich die Gegenwartskunst bereits wachsender Popularität erfreut, junge Kunsträume verstärkt in der Presse wahrgenommen und in die Programme von Kulturstiftungen, Kunstvereinen und Kunstmessen integriert werden. Schon in den Anfängen seiner Begriffsverwendung eignet sich das Off-Label daher als Platzhalter und Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Ausdeutungen und Indienstnahmen. Dass Kunsträume hierzulande erst "off" sind seit sie "in" sind, unterscheidet sie sowohl von den ersten sogenannten "Selbsthilfe- und Produzentengalerien", die sich besonders geballt im West-Berlin der 1960er Jahre gründeten, als auch von den ersten nordamerikanischen "Artist-Run Spaces", die etwa zeitgleich als solche benannt und bekannt wurden, im Anschluss allerdings weitaus früher als hierzulande gefördert und institutionalisiert worden sind. 

In Differenz zur kommerziell konnotierten "Produzentengalerie" und dem sich im Abseits verortenden "Off Space" avanciert Ende der 2000er Jahre der "Projektraum" zum favorisierten Label der selbstorganisierten Kunstszene in Deutschland. Bis heute ist er bei Künstlern und Kuratoren so beliebt, weil er auf eine zeitgemäße avantgardistische Arbeitsweise verweist, ohne definitorisch zu sehr einzuengen. Allerdings treffen die drei Wesensmerkmale eines Projekts – Zielgerichtetheit, Temporalität und Partizipation – auf manche Initiativen deutlich mehr zu als auf andere. Mit der Engführung auf ein zeitlich begrenztes Unterfangen verschleiert man den Umstand, dass einige Projekträume schon sehr lange existieren bzw. durchaus langfristige Ziele verfolgen. Zugleich sorgt eine erneute Popularisierungswelle (jurierte Projektraum-Preisverleihungen, jährliche Project Space-Festivals, Akademie-, Galerie- und Museums-interne Projekträume) für eine anwachsende Professionalisierung, Institutionalisierung und Internationalisierung der Szene.

Im Gegensatz zu den divergierenden Raumbezeichnungen wird der operative Begriff "Selbstorganisation" von Produzentengalerie-, Off-Raum- und Projektraum-Betreibern als allgemeingültiges, durchweg positiv konnotiertes Szene-Label verwendet. Über die Eigenschaft, selbstorganisiert zu sein und zu handeln, herrscht in der Kunstszene kollektiver Konsens. Die an sich auslegungsoffene (da rein funktionale) Selbstorganisation scheint durch die ideologisch-oppositionelle Aufladung, die sie in den letzten fünfzig Jahren im Kunstfeld erfahren hat, auch für heutige Akteure ein überzeugender Identifikationsfaktor und schlagkräftiges Instrument zu sein. 

Meine These ist, dass sich im Selbstverständnis von Projekträumen unter dem Leitbegriff der Selbstorganisation Ansprüche und Ideale als tradierte Mythologeme mit der gelebten Praxis überlagern, ohne deckungsgleich mit dieser zu sein. Während die bisherige Forschung den Mythosbegriff vor allem auf die Legende vom vornehmlich männlichen, genial-schöpferischen Einzelkünstler anwendet, an dessen Entmonopolisierung gerade kollektive Kunstbewegungen im 20. Jahrhundert entscheidend mitgewirkt haben, stellt sich für mich die Frage, ob sich gleichermaßen nicht auch für das selbstorganisierte Subfeld Rhetoriken und Rituale konditioniert haben, die es aus heutiger Sicht neu zu hinterfragen gilt. Konkreter ausgedrückt: Im Alltag von Projekträumen durchdringen sich selbstorganisierte mit institutionalisierten und ökonomisierten Handlungsweisen weitaus mehr, als es ihre Selbst- und Fremdzuschreibungen auf den ersten Blick erahnen lassen. Diese Durchdringung umfasst auch weitere, im Selbstorganisationsverständnis enthaltene Ideale der Randständigkeit, Widerständigkeit, Unabhängigkeit, Nichtkommerzialität, Unetabliertheit und Alternativität, deren dichotomische Anlage sich in der Praxis längst nicht mehr eindeutig aufrechterhalten lässt. 


Diskurs

Künstlerische Selbstorganisation als Strategie einer urbanen Feld-Kultur versteht sich als gesellschaftspolitische Reaktion und ästhetisches Prinzip für Kunst. [...] Entscheidend ist, dass diese selbstorganisierten Strukturen zunächst unabhängig, wenn nicht sogar abseits der institutionalisierten Kultur und öffentlicher Förderung entstanden sind. Intern weisen sie flache Hierarchien auf und sind am Dialog und Prozess ausgerichtet. Die Rollen von Künstlern sind wenig scharf definiert, die Trennung der Künste in Sparten überflüssig erklärt. Sie können als eine Aneignung von Stadtraum und kulturell ästhetischem Raum gelesenen werden. Hier entsteht eine andere Kunst. Diese führt neben bestimmten inhaltlichen Werten auch eine ideologische Aussage mit sich, bewegt sich zuweilen aktiv in einem antithetischen politischen Spannungsverhältnis zur etablierten Gesellschaft. (Heinrich Böll Stiftung: Kunst Macht Politik. Eine Erkundung des Wirklichkeitsbezugs aktueller Künste, Kongress im Berliner Kunstherbst, Forum 3: Künstlerische Selbstorganisation - Praxis, Strategien, Effekte, Berlin 23.09.2005)

Zugleich hat die Nähe von Produktion, Vermittlung und Vermarktung des Labels "junge Kunst" nicht nur kommerziellen Druck, sondern auch Erwartungen durch die institutionelle Kritik mit sich gebracht. Die Off-Spaces wurden zum allgemeinen Experimentierfeld; sie sollen sich auf den Kunstkontext beziehen und diesen stets erweitern und erneuern. Aber alles bitte ohne kommerzielle Interessen – was die Abhängigkeit von Subventionen fördert. […] Die Reflexion über die Strukturen der künstlerischen Produktion muss sich deshalb nicht nur gegen ein rein kommerzielles und repräsentatives Interesse, sondern auch gegen ein erstarrtes Diktat durch die institutionelle Kritik behaupten. (Jean-Claude Freymond-Guth: Offspace oder Artist Run Space? In: Tages-Anzeiger, 04.03.2006, S. 50)

Dass keine der beteiligten Personen eine vernünftige Beschreibung seiner Initiative geben kann, die Orte also wahlweise als Galerie, off Galerie, Off-Space, artist run place, Produzentengalerie oder nichtkommerzieller Ausstellungsraum bezeichnet werden, hat verschiedene Ursachen. Abhängig vom Eigendünkel der Betreiber findet sich eine Benamselung, die der Beschäftigung schmeichelt, aber das ist im Grunde nur eine Marginalie. Wesentlicher ist die Begriffsstutzigkeit Außenstehender, angefangen von Verwandten, der Presse sowie den Sachbearbeitern der Behörden und Stiftungen. Alle diese verschiedenen Menschen formulieren, was sie sich unter dem jeweiligen Projekt vorstellen und nennen es dann eben bei diversen Namen. Bei der Verwandtschaft ist es meist eine Galerie, weil sie das schon mal gehört haben, bei der Presse werden es hymnisch besungene, vorbildhafte "Akzente der Stadt" – moralisch vorzeigbar und überhaupt. Bei den Sachbearbeitern, die nur Wind davon bekommen, wenn sie um Fördergelder angegangen werden, muss man so lange verhandeln und die Kalkulationen frisieren und natürlich auch mit dem Namen in die vorgefertigten Formularbögen passen, dass sich daraus gestelzte Bezeichnungen mit dem höchst wichtigen Zusatz "nicht kommerziell" entwickeln. (Nora Sdun: Lokalmatadore und Veteranenzirkel, in: o.T. Magazin für Kunst / Architektur / Design (7) 2006, S. 3)

Anfang der 1990er Jahre sorgte […] der erlahmte Kunstmarkt für eine Konjunktur von selbstorganisierten Räumen, insbesondere in Europa.[…] Ende der 1990er Jahre wurden diese Bewegungen zunehmend von einem sich gesellschaftlich stark machenden Ruf nach Eigeninitiative und Selbstverantwortung eingeholt. Was zunächst noch kritisches Potenzial versprach – die temporäre Umnutzung von Räumen, die kooperative Aneignung von Wissen – wurde zunehmend von den Strategien der großen Kulturinstitutionen übernommen und dient nicht zuletzt im Sinne einer internalisierten Kritik deren eigener Effektivierung. Dennoch gingen von den selbstorganisierten Räumen der 1990er Jahre wie von ihren Vorgängern entscheidende Impulse zur Reflektion institutioneller Normen und der stadtpolitischen Funktion von Kunst aus. (Axel John Wieder: Off-Space, in: Franzen, Brigitte u.a. (Hg.): Skulptur-Projekte Münster 07, Köln 2007, S. 415)

Mehr als jede andere Avantgarde hat sich die SI [Situationistische Internationale] mit räumlichen Fragestellungen beschäftigt, was sie so ergiebig macht für den Architektur- und Stadtdiskurs. Sind eventuell die performativen Methoden, die die SI damals als subversive Strategie gegen die Gesellschaft in Stellung brachte, heute von eben dieser Gesellschaft absorbiert worden? […] Nicht mehr das Aufgehen in einem unitären kollektiven Milieu, sondern die individuelle Selbstverwirklichung, das situative Handeln in flüchtigen Netzwerken bestimmt das heutige Denken. (Anh-Linh Ngo: Vom Unitären zum Situativen Urbanismus, in: Kuhnert, Nikolaus (Hg.): Situativer Urbanismus. Zu einer beiläufigen Form des Sozialen, Archplus (183) 2007, S. 20).

Mitunter bezeichnet "Off" nur eine identifikationsstiftendes Differenz zum Mainstream des Kunstgeschehens, nicht selten auch bloß mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit. Insofern sind die Grenzen zwischen "On" und "Off" stets unscharf und porös. Was eben noch "außerhalb" war, kann unversehens ins Zentrum des Geschehens rücken und dem Diskurs der Institutionen eine neue Wende verleihen. (Martin Köttering: Impuls, in: Köttering, Martin; Kölle, Brigitte (Hg.): Subvision.kunst.festival.off, Hamburg 2009, S. 4)

Alternativen zur bestehenden Ausstellungspraxis zu entwickeln, Defizite durch Eigeninitiative zu bekämpfen […]: das ist es, was die bei subvision eingeladenen Künstlerinitiativen antreibt. Es sind freie Ausstellungsräume, "Off-spaces" oder "Artist-Run Spaces", nomadische Projekte, spezielle Künstler-Archive, Kuratoren-Kollektive, eigenverlegte Magazine […]. Ihre Zusammenarbeit als soziale Form und kulturelle Praxis […] bringt zwei traditionelle Grundpfeiler der Kunst ins Wanken: Alleinautorenschaft und Abgeschlossenheit des künstlerischen Werks. […] Insofern ist es folgerichtig, dass bei subvision gerade solche Projekte einen großen Stellenwert einnehmen, die sich verändern und entwickeln, die zur Interaktion und Partizipation einladen. (Brigitte Kölle: Konzept, in: Köttering, Martin; Kölle, Brigitte (Hg.): Subvision.kunst.festival.off, Hamburg 2009, S. 7ff.)

Warum Off-Spaces eingefahrene Machtverhältnisse umkrempeln: Die Macher haben sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben und nehmen dafür in Kauf, kein Geld zu verdienen, frierend zu arbeiten und immer wieder plötzlich umziehen zu müssen. Ab nächsten Mittwoch präsentiert art jede Woche in einer neuen Serie die schönsten alternativen Kunstorte Deutschlands. (Maja Hoock: Off-Spaces - Neue Serie. Trainingslager der Subkultur, art online 04.11.2009)

Es gibt allerdings keinen strukturellen Prototyp Off-Space. Es ist unmöglich, die verschiedenen Projekte auf einen einzigen Nenner zu bringen. […] Dennoch werden bei genauer Beobachtung viele strukturelle Gemeinsamkeiten sichtbar, die auf miteinander verwandte ideologische Ansätze rückschließen lassen. Als zentraler ideologischer Aspekt von Off-Spaces werden Unabhängigkeit und Freiheit in Produktionsbedingungen und Vermittlung postuliert. (Sarah Merten: Unabhängige Kunsträume? Untersuchung zur Entwicklung und Bedeutung von Offspaces in der Stadt Zürich seit 1980, Unveröff. Lizenziatsarbeit, Kunsthistorisches Institut, Universität Zürich 2010, S. 32)

Die so genannten Offspaces, Projekträume oder Produzentengalerien spielen in unserer heutigen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Sie verändern das Bild unserer Städte und vermitteln einen Eindruck davon, wie viel künstlerisches Potenzial vorhanden ist, welche Wege eingeschlagen werden können, welche Trends verfolgt werden und in welche Richtungen die zeitgenössische Kunst gerade geht. Viele Aktionen und Ausstellungen in diesem offenen, unabhängigen Bereich sind interessanter als Veranstaltungen etablierter Institutionen und sie bekommen eine größere Aufmerksamkeit als so mancher Kunstverein oder so manches Museum. (Ramona Dengel, Kunstbüro der Kunststiftung Baden-Württemberg, Stuttgart 2011, http://www.kunstbuero-bw.de/event/ausserhalb.html)

Kunst ist paradoxerweise oft die Speerspitze urbaner Transformationsprozesse – Künstler sind die ersten Agenten, wenn es gilt, ein unterbewertetes Stadtgebiet kulturell, mental, aber auch kommerziell aufzuwerten. Künstler sind schon alleine wegen ihres Berufsverständnisses Pioniere. […] Künstler sind aus Sicht der Stadt- und Immobilienentwickler soziale Katalysatoren. [...]. Was wäre Berlin ohne seine zahllosen künstlerischen "Avantgarden"? Wie sähe Chelsea oder SoHo aus, hätten nicht die Künstler diese heruntergekommenen New Yorker Quartiere als Wohn- und Lebensorte hergerichtet? Was wäre das Londoner East End ohne die vielen Galerien, Ateliers, Boutiquen, Bars und Cafés, die der Kunstszene zu verdanken sind? (Christoph Doswald, in: Kunstforum International (212), 2011, S. 143)

Die Frage nach der Autorschaft in der Kunst stellt sich aktuell innerhalb eines ausgesprochen widersprüchlichen Gefüges: Im gleichen Maße wie das Kunstsystem von der Celebrity Culture ergriffen ist, hat sich in ihm die Organisationsform der komplex verzeigten Kooperationen oder Netzwerke zur Selbstverständlichkeit gemausert. (Rachel Mader: Einleitung, in: Mader, Rachel (Hg.): Kollektive Autorschaft in der Kunst. Alternatives Handeln und Denkmodell, Bern u.a. 2012, S. 7).

Im Off-Bereich engagieren sich Künstler in nicht-kommerziell orientierten Galerien und Ausstellungsflächen […] und tragen damit zur Dynamik von Hamburgs Kunstszene bei. Durch Künstler initiierte Zwischennutzungen an ungewöhnlichen Orten liefern zudem neue Impulse und begünstigen den Austausch der Kunstszene mit den Bereichen Musik, Literatur, Design und Darstellende Künste. […] Die Stadt Hamburg fördert Kunstschaffende sowie selbstverwaltete Kunstorte und Künstlerhäuser mittels Stipendien, Projekt- und Programmförderungen. (Hamburg Kreativ Gesellschaft mbH (Hg.): Kreativwirtschaftsbericht, Hamburg 2012, S. 90)

Die Landeshauptstadt Düsseldorf nimmt in der bundesdeutschen Kulturlandschaft als Standort der Bildenden Kunst eine herausragende Stellung ein. […] Es finden sich in Düsseldorf viele Elemente, die eine Stadt als Kunststandort auszeichnen: viele Künstler, eine lebendige Off-Szene, eine Kunstakademie, Museen und Ausstellungshäuser, viele und bedeutende Galerien, Sammler, bürgerschaftliches Engagement für die Bildende Kunst, Förderaktivitäten der öffentlichen Hand und kunstinteressierte Bürger. […] Zahlreiche Ausstellungen und Off-Spaces-Veranstaltungen von Professoren und Studierenden prägen das Leben in der Kunststadt mit. […] In den letzten Jahren wurde besonders die so genannte Off-Szene, d. h. von Künstlern initiierte, meist nur temporäre Ausstellungsorte, gefördert. […] Aus erfolgreich betriebenen Off-Räumen entstehen zuweilen Galerien. (ICG kulturplan Unternehmensberatung GmbH (Hg.): Kulturwirtschaft in Düsseldorf. Entwicklungen und Potenziale, Düsseldorf 2010, S. 41,49)

Weltweit ist es für Künstler schwer, von ihrer Kunst zu leben. In der Metropolregion aber vielleicht noch ein wenig schwerer. […] Trotz einer vergleichbaren Wirtschaftskraft und Millionärsdichte gibt es in der Metropolregion Nürnberg – im Unterschied etwa zum Rheinland oder München – keine über Generationen entwickelte und gepflegte Sammlertradition. […] Da die Nachfrage nach moderner Kunst […] so gering ist, gibt es hier kaum professionelle Galerien. […] Also müssen die in der Region lebenden Künstler Nischen besetzen – viele davon gibt es allerdings nicht […]. Denn das in der […] protestantischen Arbeiterstadt Nürnberg […] herrschende Kunstverständnis ist konservativ geprägt. [… ] Mit dem Neuen Museum, […] der Kunsthalle Nürnberg, dem Kunstverein Nürnberg, Atelier- und Galeriehaus Defet, […] dem Kunst- und Kulturhaus zumikon und Institut für moderne Kunst. […] ist Nürnberg heute zumindest auf institutioneller Ebene gut aufgestellt. Dennoch muss man jungen, vielversprechenden Künstlern aus der Region ehrlicherweise den Rat geben, nach den Nürnberger „Lehrjahren“ möglichst rasch in eine der europäischen Kunstmetropolen abzuwandern, wenn sie Anschluss an die internationale Kunstszene […] finden und sich etablieren wollen. (Manfred Rothenberger, Leiter des Instituts für Moderne Kunst: Expertenstatement, in: Europäische Metropolregion Nürnberg, Wirtschaftsreferat der Stadt (Hg.): Kultur- und Kreativwirtschaft in der europäischen Metropolregion Nürnberg, 2010, S. 66f.) 

Zum ersten Mal verleiht die Berliner Kulturverwaltung im Jahr 2012 Preise zur Auszeichnung von in Berlin ansässigen und im Bereich Bildende Kunst oder interdisziplinär arbeitenden künstlerischen, selbstorganisierten Projekträumen und –initiativen. […] Besonders seit dem Mauerfall hat die Dichte an solchen "Freiräumen" erheblich zugenommen. […] Mit der Preisvergabe […] wird das Engagement und die Arbeit der Betreiber/innen der Projekträume und –initiativen vom Berliner Senat gewürdigt. […] Ausgezeichnet werden hervorragende unabhängigige Kunstorte […], die meist von Einzelpersonen oder Vereinen betrieben werden und das Spektrum der Kunst durch experimentelle und originäre Programme bereichern. (André Schmitz, Staatssekretär für Kultur: Grusswort, in: Der regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei-Kulturelle Angelegenheiten (Hg.): Auszeichnung künstlerischer Projekträume + Initiativen im Bereich Bildende Kunst, Idee/Realisierung: Netzwerk freier Berliner Projekträume und –initiativen, Berlin 2013, S. 3) 

Das Modell Kunstverein "boomt"! Das lässt sich zumindest aus den zahlreichen Neugründungen seit den 1980ern schließen. Insbesondere junge Kunstinteressierte entscheiden sich häufig für die Gründung eines Vereins, um eine Struktur bilden zu können, die es ihnen erlaubt, auf der Basis von Spenden und öffentlicher Förderung, ihre Vision der Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst aktiv zu gestalten. Dabei entstehen die unterschiedlichsten Vereinstypen: temporäre Projekträume, Off-Spaces, Kunst im öffentlichen Raum, Biennalen, Galerien, Atelierhäuser usw. – eine heterogene Vielfalt zivilgesellschaftlichen Engagements für zeitgenössische Kunst. (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine: Kunstvereine ‑ Zwischen Off und Space, Wolfenbüttel 2013, https://www.kultur-bildet.de/artikel/kunstvereine-tagung-zwischen-und-space

Heute sind Off Sites nicht mehr aus der international vernetzten Kunstszene wegzudenken. […] Sie dienen als Plattform für neue Ideen und rütteln die jeweilige lokale bzw. regionale Kunstszene immer wieder auf ‑ mal laut, mal leise, aber immer mit einem Hauch Idealismus und einem Hang zur Opposition. […] Off Sites sind die wahre Kunstszene, Orte, wo etwas passiert, statt sich auf den Sicherheiten der etablierten und abgesegneten Kunstgeschichte auszuruhen – denn hier wird nicht Kunst als Geschichte angeboten, sondern hier wird Kunstgeschichte gelebt und im besten Falle sogar geschrieben. (Gérard A. Goodrow: Give my Regards to Broadway. Die Genese des Off-Site und ihre nicht so beiläufige Rolle im internationalen Kunstgeschehen, in: GKS Fachverlag (Hg.): Off Spaces & Sites: Außergewöhnliche Ausstellungsorte abseits des etablierten Kunstmarkts, Bad Honnef 2013, S. 14.

In spite of following different programs and having very different organizational structures, artist-run spaces are united by a common culture. The concept of "culture" embraces ethical values, convictions and attitudes, goals and strategies that influence the self-understanding and self-image of all associations and their members. The sense of "us" and the experienced spirit of "getting together" and "keeping together" develop through the practice of positive reciprocal cooperation (mutual encouragement) and symmetrical communication (treating one another as equals). Following this ethic of emancipator action, artist-run spaces can establish themselves as a counter-model to the commercial art business based on competition between artists, as well as to conventional art institutions. (Gabriele Detterer: The Spirit and Culture of Artist-Run Spaces, in: Detterer, Gabriele; Nannucci, Maurizio (Hg.): Artist-run Spaces. Nonprofit collective organizations in the 1960s & 1970s, Zürich 2013, S. 21f.) 

This book describes the emergence of a new social class. If you are a scientist or engineer, an architect or designer, a writer, artist, or musician, or if your creativity is a key factor in your work in business, education, health care, law, or some other profession, you are a member. […] Because creativity is the driving force of economic growth, the Creative Class has become the dominant class in society […] ‑ artists and cultural creatives, students, professionals. Although these movements have been propelled by the Internet […] it's important to note that they take shape in space ‑ in real physical places. […] The consortia of place, social media and the Creative Class will be the fulcrums for future social movements that can provide the energy and force needed for economic and social transformation. (Richard Florida: The Rise of the Creative Class – Revisited, New York 2014, S. xvi, xvii, xxi)

Projekträume zeigen Mut zum ästhetischen Experiment und setzen Impulse für Dialog und Diskurs. Geführt mit großem Idealismus und knappem Budget sind sie Nährboden für die Kunstszene und Seismograph für kulturelle Trends – gekennzeichnet gleichermaßen durch Freiheit als auch Ungewissheit. (KuratorInnenkollektiv insitu e.V., Berlin 2014, http://www.projectspacefestival-berlin.com/ueber/)

Wir zweifeln die idealistische Vorstellung des Offspaces als ein Ort, der in Opposition zum Markt steht, an. […] Für uns als eine junge Generation von Künstlern [ist es] bezeichnend, dass wir die […] Opposition zwischen nicht-kommerziellen Institutionen und dem Kunstmarkt gar nicht als solche wahrnehmen. Zum einen hat das mit unserer Rezeption von Kunst durch die veränderte Situation der globalisierten Digitalität zu tun. Die meisten Ausstellungen sehen wir im Internet. Bei denen kann formal nicht zwischen […] Galerie, Museum oder Offspace […] unterschieden werden. Zum anderen nehmen wir die einzelnen Komponenten des "Betriebssystems Kunst" nicht als […] Gegnerinnen wahr, sondern vielmehr als heterogene Interessenslager, die sich in einer globalisierten Welt mehr denn je vernetzen, kooperieren und kollaborieren müssen. (Spreez e. V., in: Goethe Institut (Hg.): Im Fokus: Kunsträume (Humboldt – Kulturmagazin für Deutschland, Chile und Südamerika), 2014, o.S.)

Der Offspace gilt der Presse, den Sammlern und den Kulturpolitikern als "sexy" – was sub- oder am Rande gewesen ist, rückt ins Zentrum der Verwertung. [...] Die nicht institutionalisierten Kunstszenen sind ein Baustein des Brandings "Kunststadt" geworden. [...] Die Kunstpresse heizt, ihren medienspezifischen Mechanismen folgend, den Wettstreit der Städte an, während die Kulturetats schrumpfen. [...] Auch wenn das Stichwort "Creative Industries" der Kulturpolitik neue Förderquellen geöffnet hat, droht die unerwünscht prekäre Lebenslage zu einer Anleitung zur Ausbeutung der "Creative Class" zu werden. (Marcel Schumacher: Off in the City, in: Mir, Emmanuel (Hg.): vierwändekunst 2007-2010, Düsseldorf 2014, S. 75)

Abseits etablierter Galerien und großer Museen brodelt es. Jeden Tag eröffnen neue Kunsträume in Hinterhäusern, leerstehenden Gebäuden oder Privatwohnungen. Manche dieser Offspaces bleiben jahrzehntelang bestehen, andere sind temporär angelegt oder wandern von Stadt zu Stadt. SPACES wagt den Versuch, einen Einblick in diese subkulturelle Entwicklung zu geben und viele […] dieser Räume und Projekte in einem Städteguide zu versammeln: ein Begleiter für all die Reisenden, die lieber einen Blick in die Ateliers und auf die Experimentierbühnen der zeitgenössischen Kunst werfen, als den nächsten White Cube zu betreten; die gerne unbekannte Stadtviertel erkunden, anstatt über die nächste Museumsmeile zu schlendern. (Marina Gärtner: Spaces. Freie Kunsträume in Deutschland, München 2015, S. 5)

Ein Altbau in der Hirschenstraße, angegraut, abgewohnt, und trotzdem Heimat für weit mehr als eine Handvoll Menschen. Im Hof das zugige, nicht heizbare Atelier eines Künstlers. So war es einmal, längst beherbergt das Haus schicke Wohnungen mit großzügigen Balkonen. Die Werkstatt im Hinterhof wurde zum Loft. Die Bewohner sind nun andere, keine Millionäre, aber zwangsläufig Menschen mit einem dickeren Geldbeutel als ihre Vorgänger. Es ist ein Beispiel von vielen, gerade in der westlichen Innenstadt, jenem Dreieck zwischen Fußgängerzone, Rednitz und der Altstadt. Und es entspricht genau dem Vorgang, den Sozialwissenschaftler mit dem sperrigen Wort Gentrifizierung beschreiben: Die ärmere Bevölkerung eines Stadtteils wird von reicheren Zuzüglern verdrängt. Oft spielt sich das so ab: Weil die Mieten günstig sind, ziehen zunächst Studenten und Künstler in einen heruntergekommenen Stadtteil. Schnell folgen Kneipen, kleine Läden, Ateliers. Plötzlich wird das Viertel interessant für Menschen mit höherem Einkommen. Eine Sanierungswelle rollt an, Investoren springen auf den Zug auf. Der Wandel in der Fürther Innenstadt hat einen anderen Hintergrund: Er ist politisch gewollt. (Johannes Alles, Volker Dittmar: Gentrifizierung in Fürth, in: Fürther Nachrichten, 21.07.2015)

Die Suche nach Lösungen für den Umgang mit Problemimmobilien trifft viele Regionen in Deutschland […]. Wenngleich sich die wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen von Ort zu Ort […] unterscheiden, bieten zahlreiche Lösungsansätze Anregungen für den Umgang mit diesen Gebäuden […]. Interessant sind dabei vor allem Modelle, bei denen "urbane Pioniere" – also Menschen, die sich (vernachlässigte) städtische Räume aneignen […] und durch persönliches Engagement wiederbeleben – für die Pflege, Sanierung und Nutzung von Problemimmobilien gewonnen werden können. Denn langfristig zeigen sie, dass nicht nur finanzielles Kapital, sondern vor allem auch Kreativität, Eigeninitiative und neue Akteurskonstellationen positive Veränderungen im Quartier bewirken können. (Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020 (Hg.): Gründerzeit. Sanierung und Neunutzung von Problemimmobilien durch urbane Pioniere, Gelsenkirchen 2015, S. 20)

Kunsträume haben eine unmittelbare Wirkung auf ihr Umfeld, wenn sie einen lebendigeren Ort schaffen. Für unsere Stiftung ist die finanzielle Hilfe zur Selbsthilfe ausschlaggebend. Sie liefert Anreize für Neues. Atelier- und Projekträume in Hannover sind auf einem vielversprechenden Weg. (Tanja Rubenis, Stiftung Sparda Bank Hannover, in: Kunststandort Hannover: Erste Bilanz der Atelier- und Projektförderung 2017, Pressemitteilung Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover, 27.02.2017)

Radlmaier: In welchem Zustand ist aktuell die regionale Kunstszene [in Nürnberg]? Oehlert: Den permanenten Aderlass finde ich nach wie vor sehr schade. Radlmaier: Was ist die Botschaft an die Jungkünstler? Oehlert: Nicht nur an die Studenten, sondern auch an die Professoren: In der Stadt doch noch mehr aufzuscheinen. Das wäre eine Bereicherung für die Stadt, auch wenn es mehr Möglichkeiten gäbe, sich zu präsentieren. Wir haben auf AEG ja die Akademie-Galerie. Das ist aber eben nicht gerade Innenstadt-Lauflage. Wenn es da Off-Räume gäbe und das von der Stadt unterstützt würde, das fände ich sehr schön. (Andreas Radlmeier im Gespräch mit Andreas Oehlert, in: Curt Kultur Magazin 02/2018, S. 19)